2022 — Zwischen Jahreszahl und Lebenskunst

Die Zeit des Jahreswechsels hat für mich immer eine ganz besondere Stimmung, die von Aufbruch und Neubeginn geprägt ist. Wenn ich meinen Lebensweg mit dem Bild eines Sandstrands an der Nordsee vergleiche, dann liegen hinter mir die Spuren meines gegangenen Wegs und vor mir eine frische noch unbetretene Fläche. Die Wellen der Flut werden die alten Fußspuren überspülen und den Strand wieder „neu“ machen. Gerade das Alte, was mich noch belastet, was ich vielleicht bereue, kann ich loslassen- es wird weggespült und muss mein Leben nicht mehr beschweren. Auch hilft mir das Bild vom Kommen und Gehen der Wellen, den Rhythmus des Lebens vom Werden, Sein und Vergehen besser zu begreifen. Wenn ich eine Zeit der Ebbe erlebe, kann ich darauf vertrauen, dass es bald wieder anders werden wird- dass die Flut bestimmt wiederkommt, auch wenn es jetzt gerade nicht danach aussieht.

Am Übergang vom alten in das neue Jahr tut es meiner Seele gut, mir vor Augen zu führen, wofür ich dankbar bin -und gleichzeitig zu benennen, was ich im alten Jahr verabschieden musste. Manches ist wie eine Befreiung, manches macht mich traurig. Gleichzeitig kann ich wahrnehmen, wie es jetzt gerade ist. Wer ist mit mir gemeinsam auf dem Weg und läuft sozusagen neben mir und hinterlässt eine Spur? Das neue Jahr, das kommt, bietet neue Chancen und Möglichkeiten.

Neuer Schwung begleitet das Neue Jahr 2022

Ich möchte mich einladen lassen von dem Schwung, den ich beim handschriftlichen Schreiben der Jahreszahl 2022 erlebe. Und haben Sie es schon bemerkt? Wenn man genau hinguckt, dann verstecken sich in dieser Jahreszahl drei kleine Fische. Der Fisch ist das Geheimsymbol der frühen Christinnen und Christen gewesen. Das griechische Wort für Fisch ist „Ichthys“ – die Anfangsbuchstaben für das kurze Glaubensbekenntnis: „Jesus Christus, Sohn Gottes, Retter/ Erlöser“. Jesus selbst lehrte seine Mitmenschen, den Lebensalltag nach Zeichen von Gottes Reich zu durchsuchen. Seit Jesus das letzte Abendmahl mit seinen Freunden feierte, ist das Teilen und Essen von Brot nicht mehr einfach nur eine Nahrungsaufnahme. Sondern erinnert mich an die Hingabe und Zuwendung, mit der ich geliebt werde.

Genauso kann ich jeden Morgen, wenn ich mich mit Wasser frisch mache, an das Taufwasser denken, mit dem ich getauft wurde, und das mich mit meinen Schwestern und Brüdern in Christus verbindet. Ich möchte mich im neuen Jahr daran erinnern lassen, dass ich nicht alleine durch meinen Alltag gehe, sondern umgeben bin von Weggefährtinnen und Weggefährten, die mein Leben mit mir teilen. Manchmal nur für eine begrenzte Zeit, manchmal aber auch über Jahre und Jahrzehnte.

Achtsamkeit für die neue Jahreszahl

Ich werde die Jahreszahl 2022 oft schreiben, und gerade wenn ich sie mit der Hand schreibe, will ich die drei Bögen der Zweien auskosten und an das Fischsymbol der Christenheit denken. Und den Kreis der Null will ich als Ring begreifen, der keinen Anfang und kein Ende hat, so wie Gottes Liebe ebenfalls ohne Anfang und Ende ist.

Ich wünsche uns allen, dass wir jeden Tag auf die Suche nach Zeichen von Gottes Segen gehen- und fündig werden.

Frauke Müller, Düsseldorf