Du stellst meine Füße auf weiten Raum

Früh am Morgen, draußen in der Natur, am Seeufer, die Sonne geht gerade auf, ich höre die Vögel erwachen, zwitschern, was sie sich wohl zu erzählen haben? Ich strecke mich dem Himmel entgegen, breite meine Arme aus, stehe im Grätschschritt, atme ein, spüre den weiten Raum in mir, lasse den Atem wieder ziehen, schaue um mich: Weiter Raum – danke! „Du, Gott, stellst meine Füße auf weiten Raum!“ (Psalm 31,9)

Ich spüre in meine Füße: Wie ist mein Stand, meine Standfestigkeit heute morgen an diesem ruhigen, friedlichen Ort? Der Boden fühlt sich stabil an, er trägt mich, meine Füße stehen sicher, ich muss keine Sorge haben, zu fallen; ich stehe aufrecht vor Dir, Gott, in der Weite Deines Raumes. Danke.

Heile Welt! Heile Welt?

Dunkle Wolken ziehen auf, ich höre laute Geräusche, sehe notleidende Menschen, Menschen in Angst, in Sorge um ihr Leben, um ihr täglich Brot. Der Boden scheint unter mir zu schwanken, es wird mir ängstlich zumute, ich spüre Enge, mein Atem stockt, mein Stand wird unsicher. Ist auch dies Dein weiter Raum, Gott? Raum, auf den Du mich stellst?

Gott, das kann nicht Dein weiter Raum sein.

„Du stellst meine Füße auf weiten Raum“ ist ein Vers aus Psalm 31, der „Klagelied eines einzelnen“ genannt wird, etwa 2500 Jahre alt. Es war eine unruhige, kriegerische Zeit der Vertreibung und Not. Der Psalm ist ein Gebet in einer ausweglosen Situation – ein Klage- und Dankgebet eines Beters oder einer Beterin, deren Boden unter den Füßen gewackelt hat. Ein Psalm, der von jahrelang erfahrenen Ängsten und Bedrängnis spricht, von einer Welt, die ins Wanken geraten ist. Immer wieder sucht dieser betende Mensch Halt und Schutz bei Gott im eigenen Leid. In seinem Vertrauen auf Gott fühlt er wieder festen Boden unter den Füßen, kann er wieder durchatmen – egal, wie ruhelos es um ihn ist. Die Enge um diesen Menschen wandelt sich in Weite, Weite voller Hoffnung und Zuversicht.

Auch wenn der Boden wackelt

Gott, auch das Unruhige, das Bedrohliche in mir und um mich und die Not die mir begegnet, ist der Raum, auf dem ich stehe. Und ich weiss: Du lässt mich nicht allein. Du bist bei mir. Danke.

Du schaffst in mir einen weiten Raum, einen Raum der Geborgenheit und Zuversicht, egal, wie eng es gerade in mir, um mich geworden ist. Danke. Du, Gott, schenkst mir einen festen Stand, auch und gerade dann, wenn meine Füße schwach, meine Wege unsicher sind und die Welt gefühlt ins Wanken geraten ist. Danke.

Gott, verwandle Angst in Wärme

In Gedanken singe ich dieses Lied auch mit dir, Leser*in (aus dem Evangelischen Gesangbuch, Nr. 600, von Eugen Eckert):

„Meine engen Grenzen, meine kurze Sicht bringe ich vor Dich. Wandle sie in Weite, Herr, erbarme dich.

Meine ganze Ohnmacht, was mich beugt und lähmt, bringe ich vor Dich. Wandle sie in Stärke, Herr, erbarme dich.

Mein verlornes Zutrau´n , meine Ängstlichkeit bringe ich vor Dich. Wandle sie in Wärme, Herr, erbarme dich.

Meine tiefe Sehnsucht nach Geborgenheit bringe ich vor Dich, wandle sie in Heimat, Herr, erbarme dich.“

Ich wünsche uns einen lebendigen, zuversichtlichen Sommer in Gottes weitem Raum.

 

Dr. Elke Rapp wohnt in Koblenz, ist Ärztin für Allgemeinmedizin, Geistliche Begleiterin und Mitglied im Beirat des Hauses der Stille.