Ein Zuhause haben.

Meine Zeit in der Verantwortung für das Haus der Stille geht zu Ende. Ich durfte die Anfänge des Hauses in der Landessynode ab 1990 miterleben, in verschiedenen Gremien und zuletzt als Vorsitzender des Beirates des Hauses der Stille das Zentrum zum Teil mitgestalten. Dafür bin ich sehr dankbar. Gleichzeitig geht auch ein Abschnitt in der Rheinischen Kirche zu Ende. Das Haus der Stille wird in Zukunft (ab 2028) nicht mehr von der Evangelischen Kirche im Rheinland getragen. Es wird eine neue Organisationsform gesucht werden müssen. Was dies für den Inhalt und die Angebote bedeutet, wird sich zeigen.

Ich möchte mich nun mit einer vertrauten Geschichte aus Lukas 19 von Ihnen verabschieden.

„Jesus sprach zu ihm: Zachäus, steig vom Maulbeerbaum herunter; denn ich möchte heute in deinem Haus einkehren.“

 

Runter vom Baum

Zachäus möchte aus einer sicheren Distanz heraus Jesus begegnen. Anders gesprochen: Er möchte mit etwas größerem Abstand – von oben herab – spirituelle Erfahrungen machen. Da spielt Jesus nicht mit und sagt: Komm herunter aus deiner distanzierten (theologischen?) Höhe, stelle dich mit beiden Füßen auf dem Boden. Genau dies ist immer wieder die Basis von Spiritualität, die ich auch im Haus der Stille so schätze: Lasse dich ein auf die Wirklichkeit und stehe mit beiden Füßen auf der Erde.

Es geht nicht um eine „schöne“ abgehobene Spiritualität, sondern um ein Leben, das die Wirklichkeit und die Realitäten des Alltags in den spirituellen Erfahrungen und Begegnungen mit sich selbst, mit Jesus und Gott ernst nimmt. Bei Zachäus heißt dies, dass er die Ungerechtigkeiten, die er anderen zugefügt hat, in Ordnung bringt.

 

Wie ich zuhause sein kann

Bevor er dies umsetzen kann, geschieht etwas Ungewöhnliches. Jesus lädt sich selbst ein: Ich will bei dir zu Hause zu Gast sein. Ich höre diesen Satz auf zwei Ebenen. Einmal geht es um reale Gastfreundschaft, um eine konkrete Zuwendung zu dem Menschen Zachäus in diesem Leben. Die zweite Ebene trifft den Menschen Zachäus ins Herz. Dies erinnert mich an die Textzeile von Gerhard Tersteegen aus dem Lied „Gott ist gegenwärtig“ (eg 165): „Ich in dir, du in mir.“ Die Begegnung im Haus des Zachäus und die innere Erfahrung sind für mich nicht zu trennen. Es bedarf des Zuhause-Seins bei sich selbst und in einem Haus! Wer jetzt den Verdacht hat, dass ich etwas zum Haus der Stille damit sagen möchte, hat sicherlich recht. Die innere Erfahrung und Begegnung mit dem Geheimnis, das wir Gott nennen (und das in der jüdischen Tradition nicht benannt wird), ist für mich nicht zu trennen von einem Haus, in dem dies stattfinden kann.

 

Jeder Abschied ist ein neuer Anfang

Für mich war dieses Haus ein großartiges Geschenk, das die Rheinische Kirche sich selbst gemacht hat. Es war ein Geschenk, in dem die Stille im Vordergrund stand und Stille als Erfahrungsraum den Menschen Begegnungen ermöglichte: mit Gott, mit sich selbst und mit den Bezügen, in denen die Menschen jeweils leben. Stille, die die ethische Verantwortung fördert. Das Haus der Stille wurde für viele Menschen ein Zuhause. Für mich war und ist es noch ein Ort, in dem Zeit und Raum (wörtlich) für das innere schweigende Gebet – auch Meditation genannt – im Vordergrund stehen. So entstand etwas, was ich als evangelisches Kloster auf Zeit beschreiben würde. Vielleicht ist diese Tradition der Spiritualität überholt, auch wenn sie sich durch die Bibel und das evangelische Gesangbuch zieht. Für viele sind Zeit und Raum für Gebet auch in der Kirche zweitrangig geworden. Für mich ist es die Basis.

Letztlich geht es mir so, wie Wolfgang Niedecken (BAP) singt: „Nit resigniert, nur reichlich desillusioniert.“

Warum bin ich nicht resigniert oder gar frustriert? Weil die Begegnung Jesu mit Zachäus bis heute in meine Existenz hineinwirkt. Für mich heißt dies: Rüdiger, komm runter von deinen hohen Illusionen, sei mit beiden Füssen auf dem Boden. Ich (Jesus) begegne dir auf Augenhöhe – jetzt und immer zu neu. Und: Ich bin bei Dir und in Dir zuhause.

Ich wünsche Ihnen diese Grundgeborgenheit und eine kontinuierliche geistliche spirituelle Praxis, die trägt. Dies ist, was uns bleiben kann. Shalom und ganz wörtlich: Auf Wiedersehen!

Ihr Rüdiger Maschwitz

 

Rüdiger Maschwitz, 1952*, Pfarrer i.R., Diplom-Pädagoge, Geistlicher Begleiter, Ehe- und Lebensberater, Meditationslehrer und Autor, war seit 1992 Mitglied im Beirat und zehn Jahre lang (2016 – 2026) Vorsitzender des Beirats des Hauses der Stille