Keinezeit und meine Zeit

Im Sommer kam bei mir oft das Gefühl auf: Ich habe mehr Zeit. Besonders dann, wenn es warm und trocken war und ich viele (Un-)Tätigkeiten nach draußen verlegen konnte. Dieses Gefühl ist unabhängig davon, ob ich im Sommer tatsächlich weniger zu tun habe, und auch unabhängig davon, ob ich Urlaub habe. In diesen Tagen setzt sich nun spürbar der Herbst durch mit kühlen Nächten und früh einbrechender Dämmerung. Lichte und dunkle Stunden des Tages halten sich die Waage, vielleicht wird es knapp, noch im Hellen Feierabend zu machen? Doch wie der Sommer ist auch der Herbst eine Zeit, die mir geschenkt ist: Ich habe Zeit!

Schon dieser Satz ist wertvoll: Ich habe Zeit. Wertvoll deshalb, weil ich ihn viel zu selten höre und auch nicht so oft sage und empfinde.

Wie geht es Ihnen, wenn Sie gefragt werden: „Wann hast du Zeit?“ Was geht Ihnen durch Kopf und Herz?

  • Oh nein, nicht noch ein Termin?
  • Wie soll ich das noch unterbekommen?
  • Die Woche ist doch sowieso schon so voll?

Oder eher:

  • Wie schön, dass du fragst!
  • Für dich habe ich immer Zeit!
  • Darauf freue ich mich!

Je mehr ich der Stille in meinem Leben Raum gebe, desto größer wird meine Sehnsucht nach  Zeit für Unvorhergesehenes, Zeit für mich selbst, Zeit für andere Menschen, Zeit für Gott!

„Ich habe Keinezeit“ – Besitzstand und Statussymbol?!

Aber diese Sehnsucht steht dem, was mich umgibt, oft entgegen:

Irgendwo habe ich einmal gelesen, dass inzwischen „keine Zeit haben“ das Normale sei. Es sei wie ein Besitz, ein Statussymbol, etwas, das man stolz herzeigt: Ich habe Keinezeit. „Keinezeit“ war sogar in einem Wort geschrieben und damit zu so etwas wie einem Objekt geworden.

Gerade in meinem kirchlichen beruflichen Umfeld bekomme ich auf die Frage, „Wie geht es dir?“, oft die Antwort: „Ach, es ist alles so viel, ich habe gar keine Zeit.“ Und ebenso oft habe ich den Eindruck, dass ein Mensch, der viel Zeit hat, der nicht im Stress ist, der schnell einen Freiraum im Kalender findet, anderen suspekt ist: Was macht der den ganzen Tag? Ist er faul, einsam, nicht leistungsstark? Oder es schleicht sich Neid ein: Das hätte ich auch mal gerne! Das ist ja wie Urlaub! Wieso hat diese Person nicht, was doch jeder hat: Keinezeit!

Oder ist dieser Neid im Grunde eine tiefe Sehnsucht?

Auch ich denke oft, wenn ich sonntags meine Woche plane: Das ist aber wieder voll, da darf jetzt aber nichts dazu kommen, dafür ist keine Zeit… Dabei liebe ich die Tage mit Luft und Lücken, die Urlaubszeit ohne Termine, das Nichts-Tun und Nichts-Tun-Müssen!

Für alles das ist Zeit in einem Menschenleben

„Alles hat seine Zeit“ heißt es in einem bekannten Vers aus  Prediger 3. Das bedeutet für mich: Ich HABE Zeit, und zwar von meiner Geburt bis zu meinem Tod. Weder über das eine noch über das andere bestimme ich selbst. Mir ist Zeit gegeben, ich habe meine Zeit. Die Lebenszeit ist zwar unterschiedlich lang, aber jeder Mensch hat jeden Tag gleich viel Zeit. 24 Stunden. Unabhängig davon, ob er den ganzen Tag in der Sonne liegen kann oder den ganzen Tag im Pflegeheim liegen muss, ob er pausenlos arbeitet, sich für andere aufopfert oder seine Hobbys pflegt. Jeder hat seine, jede hat ihre Zeit. Alle haben Zeit.

Alles hat seine Zeit. Die Bibel zählt in Prediger 3 vieles auf, was zu einem Leben dazu gehört: Geboren werden und sterben, Dinge aufbauen, Dinge abbauen, Beziehungen pflegen und wieder loslassen, pflanzen und ernten und viele Dinge mehr. Für alles das ist Zeit in einem Menschenleben vorgesehen. Dafür haben wir Zeit, haben wir unsere eigene Zeit.

Ich habe meine Zeit

Wenn ich in die Stille gehe, verschiebt sich manchmal meine Wahrnehmung von Zeit, und Prioritäten klären sich: Wie möchte ich meine mir von Gott geschenkte Lebenszeit gestalten? Was ist wichtig, was kann unvollkommen bleiben? Das liegt auch in meiner Hand!

Ja, es gibt Notwendigkeiten: Ich will und muss mir meinen Lebensunterhalt verdienen, ich muss essen, schlafen, einkaufen, waschen, ich muss – oder darf? – mich um andere kümmern, mit ihnen Zeit verbringen – aber grundsätzlich habe ich Zeit. Ich habe meine Zeit.

Zeit haben ist: Erkennen, dass mir Zeit geschenkt ist. Erkennen, dass ich Verantwortung dafür trage, was ich mit meiner Zeit mache. Dass ich ganz verschiedenen Dingen Zeit gebe: der Aktivität und der Ruhe, dem Planen und Gestalten, mir selbst, den anderen Menschen und vielleicht auch Gott. Etwas von meiner Zeit.

Ich wünsche mir selbst und Ihnen, dass wir uns nicht an eine Umgebung anpassen, für die gilt: Alles hat KEINE Zeit. Sondern, dass wir uns erinnern: Alles hat SEINE Zeit. Zeit, von Gott gegeben, von uns gefüllt – Lebenszeit, gesegnete Zeit!

Vielleicht mögen Sie dem in dieser Übergangszeit nachspüren?

 

Juliane Opiolla, *1974, wohnt in Bous / Saarland, Kontemplationsbegleiterin, Geistliche Begleiterin, Pfarrerin, ist Mitglied im Beirat des Hauses der Stille