Mit Gott rechnen heißt… Mich einlassen und überraschen lassen

„Heute werde ich mich auf Gottes Angebot einlassen, mich von ganzem Herzen auf ihn zu verlassen. Ich werde ihm zutrauen, dass mir unter seiner (An-)Leitung alle Dinge zum Besten gereichen.“

So oder so ähnlich formuliert, versuche ich mein Tagewerk zu beginnen und orientiere mich dabei an folgender Empfehlung:

Verlass dich auf den Herrn von ganzem Herzen

und verlass dich nicht auf deinen Verstand;

sondern gedenke an ihn in allen deinen Wegen,

so wird er dich recht führen.

 (Sprüche 3, Vers 5-6)

 

Das, wozu diese Verse einladen, klingt für mich ausgesprochen erstrebenswert für ein heiles, gelingendes Leben.

Tja, aber dann ertappe ich mich oft genug dabei, wie ich wieder einmal genau das nicht getan habe: dass ich mich trotz des aufrichtigen Vorhabens nicht einlassen konnte, dass ich mich nicht mit ganzem Herzen auf meinen Schöpfer verlassen habe, sondern stattdessen den Versuch unternommen habe, das Leben irgendwie selbst hinzukriegen…

 

Ob Gott mit den Augen rollt?

 

Wenn mir im Nachgang bewusst wird, wie wenig ich mich an manchen Tagen oder in ganzen Lebensphasen auf Gottes Einladung einlassen konnte, ärgere ich mich und bin beschämt, dass ich nicht mit ihm gerechnet habe…

Ich frage mich, ob Gott in diesen Momenten resigniert mit den Augen rollt und tief seufzt. Jedenfalls stelle ich mir das so vor und umso größer wirkt sein Geschenk der unverdienten Gnade: zu wissen, dass ich erneut – jeden Tag – sein Vertrauensangebot annehmen darf.

Dabei habe ich mit Gott schon oft genug in meinem Leben die Erfahrung machen dürfen, dass mit ihm zu rechnen ist: Immer dort, wo mein Verstand – bisweilen ohne, dass mir das in diesen Momenten bewusst war – nicht mehr weiter kam, wo meine Fähigkeiten begrenzt waren, mein Urteilsvermögen eingeschränkt, eine vorausschauende Entscheidung einfach nicht möglich war oder formale Rahmenbedingungen schlichtweg keine Handlungsmöglichkeiten boten.

Mich auf Gott verlassen, da wo ich als Mensch begrenzt bin, heißt mich einlassen. Über meinen verstandesgemäßen Überblick hinausgehen und mich darauf verlassen, dass er Halt unter meinen Füßen bietet, auch wenn ich den Boden nicht sehe. Mit ihm rechnen, mich von ihm überraschen lassen.

 

Besondere Fähigkeiten: unkonventionell und kreativ

 

So durfte ich erst kürzlich erleben, wie Gott mir – im wahrsten Sinne des Wortes und in wunderbarer Weise – die Schranken zu einem Weg aufgetan hat, der (soweit ich erkennen konnte) nicht dafür bestimmt war, dass ich ihn gehe. Eine Überraschung, mit der ich nicht rechnen konnte, sie aber wie ein Geschenk empfangen habe. Für mich ein Gänsehautmoment, wenn ich daran zurückdenke!

In solchen Momenten bin ich einfach nur berührt und staune über Gottes (An-) Leitung. Manchmal muss ich sogar schmunzeln, in welch unerwarteter, unkonventioneller, kreativer Weise dies geschieht.

Daher nehme ich mir heute erneut und aufrichtig vor: mit Gott zu rechnen, mich von ihm überraschen zu lassen.

Danke Gott, dass deine Güte, Weisheit und Geduld mit mir so weit reichen, dass du dich immer wieder auf mich einlässt und ich mich auf dich einlassen darf. Amen.

 

Anke Rikowski-Bertsch, *1982, Diplom-Pädagogin, leitet die Ev. Jugendbildungsstätte Hackhauser Hof e.V. in Solingen und ist Mitglied des Beirates des Hauses der Stille