Pilgern – ist das protestantisch, und wenn ja: wie?

Schon sehr lange hegte ich im Herzen den Wunsch, mich auf einen Pilgerweg zu begeben (und habe es im März 2025 getan von La Verna nach Assisi auf dem Franziskusweg). Mir ist dabei nie die Frage gekommen, ob es zu meinem protestantischen Glauben passt. Pilgern wird verkürzt als „Beten mit den Füßen“ beschrieben.
Woran sollte der protestantische Glaube sich dabei stoßen? Ich weiß um den evangelischen Vorbehalt gegenüber frommen Werken. Insofern ist die Frage klärend: Was erwarte ich von meinem Pilgerweg? Will
ich damit Gott näherkommen? Ersehne ich ein spirituelles Highlight?

Haltungswechsel: Offen für das, was mir entgegenkommt

Der Pilger, die Pilgerin, (lat. peregrinus/a) ist die Person, die in die Fremde zieht. Den gewohnten Alltag, die bequemen Annehmlichkeiten und viele Selbstverständlichkeiten lässt diese Person zurück. Das war auch meine Absicht: Abstand nehmen zu Personen, Aufgaben und Dingen, die sonst meine Aufmerksamkeit haben. Mich lockt ein Weg, den ich noch nicht kenne. Mich lockt die Erfahrung, von meinen Füßen getragen von Ort zu Ort zu gelangen. Mein Körper ist ganz dabei. Er trägt mein Gepäck, das ich auf das „Not-Wendige“ reduziere. Ich ersehne auf dem Weg einen Haltungswechsel.

Ich möchte so wenig wie nur möglich planen und selbst bestimmen. Der Weg und das, was mir auf ihm begegnet, sollen das Tempo und die Länge der täglichen Strecke vorgeben. Ich will offen sein für die Schöpfung und alle Mitgeschöpfe. Begegnungen ergeben sich oder auch nicht. Ich möchte offen sein für alles, was mir entgegenkommt. Im Alltag bin ich oft eine Getriebene von beruflichen Aufgaben und inneren Wunschvorstellungen. Auf dem Pilgerweg möchte ich zu einer Geführten werden, die erspürt, was im Moment eine angemessene Reaktion auf Gottes Gegenwart für mich ist. An diesem Punkt unterscheidet sich das Pilgern vom Wandern: Ich kann mich dem Weg anvertrauen, weil ich auf Gottes Gegenwart vertraue.

Blasen, Unruhe und Kritik von innen

Erfahrene Pilger*innen erzählen, dass es immer auch kritische Wegabschnitte gibt. Blasen an den Füßen sind die kleineren Beschwerden. Der Weg kann steil oder lang und sehr mühsam werden. Ich kann vom Weg abkommen und mich verlaufen. Die Herberge ist geschlossen oder voll. Noch mehr Respekt habe ich vor den inneren Krisen. Wer weiß, ob sich nicht die Stimme der inneren Kritikerin meldet, die mir einredet, dass die ganze Anstrengung sinnlos ist oder dass andere irgendwie besser pilgern als ich. Aus persönlichen Schweigezeiten an einem festen Ort kenne ich die kritischen Stimmen in mir, die mich beunruhigen und den inneren Frieden in weite Ferne rücken. So locken mich die Aussagen auf einem Flyer, der fürs Pilgern wirbt:

Worum geht es auf dem Weg des Pilgers, der Pilgerin?

Einfach werden und Klarheit erleben
Still werden und Stimmigkeit erfahren
Loslassen und gelassen werden
Offen werden und Berührung erspüren
Das Wagnis eingehen und Vertrauen lernen
Weite erfahren und weit werden
Alleinsein einüben und wahre Begegnung erleben
Bei mir ankommen und Gott begegnen

(Flyer herausgegeben von Stefan Wohlfarth, Pfarrer im Haus der Stille, Kloster Drübeck)

Der letzte Satz ist wohl die Krönung des Weges – ob ich das als Pilger*in erwarten darf? Da regt sich meine protestantische Stimme, die sagt: „Alles ist Gnade!“ Wenn die Gnade es möglich macht, komme ich gerne bei mir und Gott an. Von dieser Gnade etwas mit  in den Alltag zu nehmen, ist mein allertiefster Wunsch.

Irene Hildenhagen, * 1967, Pfarrerin, Geistliche Begleiterin und Exerzitienbegleiterin mit Fortbildungen in Gewaltfreier Kommunikation, Systemischer Arbeit u.a., leitet das Haus der Stille.