Ich lasse mich gerne verzaubern. Sie sich auch?
Vor Kurzem war ich in einer Zauberershow. Sieben Magier, die sich mit ihrer Kunst für die Zauberer-Weltmeisterschaft qualifiziert hatten, haben ihre Geschichten erzählt und Magie verbreitet: Bälle vermehrt, verloren Geglaubtes zum Vorschein gebracht, Gedanken erraten, Seifenblasen gelenkt,
magische Hände nur mit Unterarm und ohne Körper zaubern lassen.
Sie haben Unmögliches vor unseren Augen möglich gemacht. Manche im Publikum haben genau hingeschaut: Wie ist das möglich? Ich habe mich lieber verzaubern und entführen lassen. Ich wollte alles glauben.
Keiner kommt so zurück, wie er hingefahren ist
Ähnlich war es kürzlich im Gottesdienst gewesen.
Dort habe ich erlebt: Gott hat einen hellen Schein in unsere Herzen gelegt … (2. Kor. 4,6) Einfach, weil dieser Gottesdienst von unserer Menschlichkeit erzählt hat:
Von unserer Bedürftigkeit. Von der Bereitschaft, sich zu kümmern. Von einer Liebe, die sich auf den Weg macht, um Not zu lindern und dabei Grenzen überwindet und Verbundenheit schafft. Von Maurerlehrlingen aus Kempen: Sie fahren seit dem schweren Erdbeben 2010 in Haiti jedes Jahr dorthin, um dort Schulen, Krankenstationen und Kindergärten wieder aufzubauen.
Keiner von diesen Maurerlehrlingen kommt so zurück, wie er hingefahren ist. Dieser Aufenthalt macht etwas mit ihnen. Er verwandelt sie alle.
Mir ging das Herz auf. Ich hörte und fühlte, was uns menschlich macht. Und staunte darüber, wie schlicht und wie tiefgreifend diese Besuche von uns Menschen erzählen.
Von dem, wie nahe uns Gott kommt im Anderen.
Von dem, wie zerbrechlich unser Leben ist
und wie kostbar es wird, wenn wir um es bangen.
Von dem, was wir vermissen.
Von der Kraft, die das Leben neu möglich macht.
Im Angesicht Jesu Christi …. Im Angesicht dieser Schüler leuchtete die Kraft Gottes. (2. Kor. 4,6)
Für unmöglich Gehaltenes lässt uns staunen
Es hat einen Grund gehabt, warum ich so berührbar war an diesem Sonntag. Ich selbst war zerbrechlich geworden. Meiner Sicherheit beraubt,
in meinem Selbstbild angefragt, auf Verständnis angewiesen. Ich war nämlich aus der Rolle gefallen – mir war etwas sehr Unangenehmes passiert,
das einen Menschen getroffen und verletzt hat.
Am Tag vor diesem Gottesdienst fand ich den Mut zur Offenheit. Ich fand die Worte, beschrieb, was ich zugemutet hatte und wo ich falsch abgebogen war. Ich bat um Entschuldigung.
Es ging erstaunlich leicht. Ich erklärte nichts.
Ich tat nicht so, als ob das alles nicht so schlimm wäre. Dieser Satz hat mich dabei begleitet:
Wir haben aber diesen Schatz in irdenen Gefäßen, auf dass die überschwängliche Kraft von Gott sei und nicht von uns. (2. Kor. 4,7)
Wenn uns die Liebe verloren geht, fängt unser Sein mit Gott erst an
Unser Glaube ist zerbrechlich. Nicht wir halten die Welt zusammen. Nicht wir sind die Guten.
Aber es gibt einen, in dem alle Dinge zusammenfließen.
Eine Liebe, die das Unmögliche möglich macht.
Mir hat sich in der Zauberei öffnet, wie sehr ich mich nach dem Unmöglichen sehne. Und im Gottesdienst hat sich mir gezeigt: Das Unmögliche ist zugleich das, was unser Menschsein ausmacht.
Und wie wenig selbstverständlich es ist.
Der Weg Jesu, der das Unmögliche möglich macht,
geht niemals an uns Menschen vorbei. Er braucht unser fragiles Sein, die Erfahrung, dass uns die Liebe verloren geht.
Und dass damit unser Sein in Gott erst anfängt.
Niemals will ich aufhören, darüber zu staunen.
Wie Gott uns Wege gehen… oder auch umkehren lässt. Wie Gott uns das Herz hell macht und das Leben neu.
Gebet:
Du steigst in die Dunkelkammern meines Lebens.
Im Licht deiner Gegenwart
erkenne und verliere ich meine Dunkelheit.
Du bist das Licht des Lebens.
Amen.
Verfasserin: Ulrike Stürmlinger, *1961, ist Pfarrerin i.R., Geistliche Begleiterin, ausgebildet in Spirituellem Körperlernen nach Ellen Kubitza und Mitglied im Beirat des Hauses der Stille. Bearbeitung: Dorothea Müth-Abu Dhis

