Von Es, Gott und Über-Ich
Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen. (Matth. 18,3)
„Wie die Kinder!“ Wer gebraucht ihn nicht gelegentlich, diesen Aufschrei? Ehepaare, die sich zanken wie die Kesselflicker; Arbeitskollegen, die um den besten Platz in der Abteilung buhlen; Sitzungsteilnehmende, denen es in der Debatte nicht um die beste Lösung, sondern um die Durchsetzung eigener Interessen geht. Immer dann, wenn wir den Eindruck haben, erwachsene Menschen verhielten sich irgendwie nicht altersgemäß, werten wir uns mit dem Vorwurf, kindisch zu sein, gegenseitig ab.
Was heißt es, wie ein Kind zu werden?
Sollen wir so werden? Wohl eher nicht. Die Jünger hatten Jesus gefragt, wer „der Größte im Himmelreich“ sein wird (Matthäus 18,1). Darauf Jesus: Das ist „ein Mensch, der weiß, dass er alles, was er hat und ist, empfangen hat“. Derjenige ist der „Größte“, der Gott für den Größten hält, so wie ein vertrauendes Kind seine Eltern. „Wie-ein-Kind-Werden“ heißt, Vertrauen in Gott zu entwickeln. Glaube ist die Übertragung des Urvertrauens auf diesen ultimativen Grund des Seins.
Dies heißt jedoch nicht, auf Persönlichkeitsreifung zu verzichten. Letzteres wäre nichts anderes als die Legitimierung der eigenen regressiven Infantilität. In diesem Falle würde der Glaube nicht erwachsen. Gaube wird dann erwachsen, wenn es zur ICH-Stärkung durch Christus kommt:
Ich lebe, doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir. (Gal. 2,20)
In psychoanalytischen Kategorien ausgedrückt könnte man sagen, ein Mensch ist umso erwachsener, je mehr sein ICH Dominanz über die übrigen Instanzen seiner Persönlichkeit erhält. Es geht um die Fähigkeit zur Entscheidung zwischen dem, was ich will, und dem, was ich soll – wobei das, was ich will, oft nur das ist, was ES in mir will (Röm. 7,18-23) und nicht das, was ICH eigentlich will. Und schon gar nicht, was GOTT will.
Wenn zwei oder mehr Willen in meiner Brust schlagen…
Bekanntlich besteht die Unfreiheit des menschlichen Willens ja nicht darin, nicht tun zu können, was der Wille will. Sondern nicht wirklich wollen zu können, was er eigentlich will. Freiheit besteht in der Freiheit zum Tun des Gewollten, nicht zum tiefsten Wollen des Gewollten. Was ich im Tiefsten eigentlich will, kann ich gerade nicht entscheiden. Deshalb bezeichnet Paulus sich als „elenden Menschen“ (Röm. 7,24). Entscheiden kann ich immer nur, ob ICH das, was ES in mir will, auch wollen will.
Die Kompetenz, zwischen mehreren Willen in mir ausbalancieren zu können, ist wohl als Mündigkeit zu bezeichnen. Paulus begreift dabei die Präsenz des Auferstandenen als Gottes Unterstützung der Entwicklung des ICH: „Ich lebe, doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir.“
Christus repräsentiert real die Integration des zerrissenen und daher faktisch unmündigen Menschen mit seiner eigenen Vollkommenheit. Geschichten wie die von der Heilung am Sabbat (Mk. 3,1-6) illustrieren dies. Hier wird gleichsam ein ÜBER-ICH-Konflikt geschildert. Jesus will heilen, darf es aber nicht, weil Sabbat ist. Das kollektive ÜBER-ICH verbietet es. Wie wird Jesus entscheiden?
Wie ein erwachsener Glaube tut, was Gott will
Er legt die eigentliche Absicht des ÜBER-ICHs so aus, dass es mit der situativ sinnvollen Entscheidung eines erneuerten ICHs (Röm. 12,1f) deckungsgleich wird. Er tut nicht, was er soll, er tut, was jetzt richtig ist – will sagen: was Gott will. Genau dies ist erwachsener Glaube.
Die großartige Verheißung für uns besteht nun darin, dass er solches nicht nur damals in Galiläa getan hat, sondern dass er solches heute auch in uns zu tun vermag (Gal. 2,20). Insofern ist ein gesunder und erwachsener Glaube an einer zunehmenden ICH-Stärkung des*r Glaubenden erkennbar.
Volker A. Lehnert, * 1960, Pfarrer, Autor, ist Kirchenrat und Leitender Dezernent für Personalentwicklung der EKiR sowie Mitglied im Beirat des Hauses der Stille.

