Ist da jemand? So fragen viele beim Blick zum Himmel. Der Blick in die unendlichen Weiten des Weltalls lässt diese Frage aufkommen.
Da ist niemand, sagen viele Zeitgenossen*innen.
Ich habe ein altes Lied gefunden, das anders herum schaut und denkt: „Von Gott will ich nicht lassen, denn er lässt nicht von mir, führt mich durch alle Straßen, da ich sonst irrte sehr. Er reicht mir seine Hand, den Abend und den Morgen tut er mich wohl versorgen, wo ich auch sei im Land.“
Wie kann ich denn erfahren, dass Gott da ist?
Ich habe die Frage nach einer höheren Führung auch, wenn ich ins Weltall blicke; wenn ich die Ereignisse rund um Krieg und Frieden auf mich wirken lasse; wenn ich schmerzliche Verluste zu verarbeiten habe. Wo ist denn Gott? Wie kann ich das erfahren: „Er reicht mir seine Hand?“ Was lässt mich am Glauben festhalten?
Der Verfasser des Liedes, Ludwig Helmbold, kann da weiterhelfen. „Denn er lässt nicht von mir“: Woher weiß der das? Wie kommt einer dazu, solche Zeilen zu dichten: „Es tut ihm nicht gefallen, denn was mir nützlich ist. Er meint’s gut mit uns al-len, schenkt uns den Herren Christ, sein eingebornen Sohn; durch ihn er uns be-scheret, was Leib und Seel ernährtet. Lobt Gott im Himmelsthron!“ (Vers 4)
Erfahrung: Pest, Gegenreformation und Lehrstuhl-Verlust
Helmbold ist1532 im thüringischen Mühlhausen geboren. Die Familie wurde 10 Jahre später evangelisch, er wurde Theologe und Philosoph. Es heißt, er sei ein guter Pädagoge gewesen. Professor in Erfurt. Im Pest-Jahr 1563 starben in der Stadt Erfurt 4000 Menschen. Es war so schlimm, dass sogar die Universität ge-schlossen wurde. Dann kamen die Auseinandersetzungen der Gegenreformation. Helmbold verlor seinen Lehrstuhl als Professor und wurde Gemeindepastor, spä-ter Superintendent. Diese persönlichen und gesellschaftlichen Erfahrungen drückte er in viele Lieddichtungen aus. Seine Verse des Glaubens bekommen so einen besonderen Klang: „Auf ihn will ich vertrauen in meiner schweren Zeit; es kann mich nicht gereuen, er wendet alles Leid. Ihm sei es heimgestellt; mein Leib, mein Seel, mein Leben, sei Gott dem Herrn ergeben, er schaff‘s, wies ihm gefällt.“ (Vers 3)
Was kann ich heute in meinem geistlichen Leben mit dem Gehalt dieser Verse anfangen?
1. Ich werde geführt. Ich bin keine Marionette eines Spielers. Wo ich auch bin – Gott versorgt mich mit dem, „was Leib und Seel ernähret“. Und es ist der Blick auf Christus, die Erzählungen von seinem Leben und Wirken, von seinem Sterben und Auferstehen die, was Helmbold zu diesen Aussagen bringen.
2. Helmbold beschreibt, was Gottes Job ist:
• „aus Not helfen“
• „von Sünde und Schande retten“
• „von Ketten und Banden“ (nicht nur Gefängnisse/Folterkammern klingen hier an, sondern auch Ketten, an die uns unsere Süchte legen; Bindungen an unsere Kindheit, schlechte Erinnerungen, innere Verletzungen)
• „vom Tod“
„Wenn sich der Menschen Hulde und Wohltat all verkehrt, so find’t sich Gott gar balde, sein Macht und Gnad bewährt. Er hilft aus aller Not, errett‘ von Sünd und Schanden, von Ketten und von Banden, und wenn’s auch wär der Tod.“ (Vers 2) Gerade das Letztere empfinde ich als ein besonderes Privileg als Bote des Evangeliums. Ich durfte in meiner aktiven Zeit im Pfarramt auf Friedhöfen sagen: „Das Leben ist stärker als der Tod.“ Ich sage das bis heute bei Beerdigungen, obwohl alles auf einem Friedhof dagegen spricht. Ich kann diesen Satz nicht beweismäßig ‚unterfüttern‘. Ich habe nur eins: Christus sagt: „Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, der wird leben, auch wenn er stirbt. Wer das lebt und glaubt an mich, wird in Ewigkeit nicht sterben.“
3. Das alles sind Erfahrungen, die Helmbold gemacht hat. Erfahrungen machen: das können wir auch. Erlebtes im Licht des Glaubens deuten. Was auch immer mir geschieht, immer habe ich diese Möglichkeiten: Entweder fühle ich mich als Opfer einer bösen Krankheit oder einer verkorksten Kind-heit. Ich empfinde mich als Ergebnis des Zufalls – oder: Ich stehe mit allem in Gottes Hand. „Lobt ihn mit Herz und Munde, welchs er uns beides schenkt; das ist ein sel’ge Stunde, darin man sein gedenkt; denn sonst verdirbt all Zeit, die wir zubringen auf Erden. Wir sollen selig werden und bleiben in Ewigkeit.“ (Vers 5)
4. Mein Leben hat eine Zukunftsperspektive. „Auch wenn die Welt vergehet mit ihrem Stolz und Pracht, nicht Ehr noch Gut bestehet, die wir so groß geacht‘: wir werden nach dem Tod tief in die Erd begraben; wenn wir geschlafen ha-ben, will uns erwecken Gott.“ (Vers 6)
Vertrauen in das, was Gott sagt
Wie kommen wir zu diesem Vertrauen? Vertrauen wir dem Wort, das uns gesagt ist. „Jesus Christus ist das eine Wort Gottes, das wir zu hören, dem wir im Leben und im Sterben zu vertrauen und zu gehorchen haben.“ (Theologische Erklärung von Barmen / Mai 1934 – These 1 / EG S. 1387)
Am besten nehmen Sie sich ein Ev. Kirchengesangbuch (Nummer 365) und lesen das Lied (noch besser: singen!) im Ganzen mit der Frage: Welche Wirkung kann das für mein geistliches Leben heute haben?
Hermann Kotthaus, *1951, hat als Landespfarrer für Mission und Spiritualität das Haus der Stille mitentwickelt, ist Mitglied im Beirat des Hauses der Stille und lebt als Pfarrer im Ruhestand in Köln

