Ich bin gerne an der See. Ich liebe es, auf einer Bank zu sitzen und einfach dem Spiel der Wellen zuzuschauen. Ich genieße den Wind in meinen Haaren, Sonne und das Spiel der Wolken auf meinem Gesicht.
Alles ist in Bewegung. Das Wasser fließt. Der Wind weht. Die Wolken ziehen.
Und dazwischen, an der Uferkante, sitze ich ruhig auf einer Bank und hänge meinen Gedanken nach.
Ideen werden zu Wegen, Wege zu Lösungen
Im Alltag schaffe ich es oftmals nicht, nur dazusitzen und meine Gedanken treiben zu lassen, zu spüren und zu fühlen, was um mich herum und was in mir drinnen ist. Betriebsamkeit und Hektik überall und in mir selbst verhindern, dass ich ganz ruhig in mich hinein und auch um mich schauen kann.
Aber gerade dann, wenn ich den Gedanken freien Lauf lasse, nicht versuche, sie krampfhaft auf ein Thema oder ein Problem zu fokussieren, gerade dann beginnen sich häufig Gedankenfetzen zu Ideen zu formen, Ideen zu Wegen, Wegen zu Lösungen, Lösungen zu Zufriedenheit.
So am Wasser zu sitzen und spüren, wie die Welt sich bewegt, wie die Schöpfung lebt – mit kreischenden Möwen und schnatternden Enten – ist sehr schön, wenn die See ruhig ist. Aber besonders gut gefällt es mir, wenn der Wind etwas rauer ist. Wenn die Wellen nicht nur plätschern, sondern richtig auf den Sand oder an das Ufer klatschen. Wenn der Wind nicht nur sanft über das Gesicht streicht, sondern die Haare einem manchmal buchstäblich zu Berge stehen und völlig zerwuselt werden.
Es gibt dann natürlich den Moment, an dem ich mich doch lieber zurückziehe, weil die Natur mir deutlich zeigt, wer hier das Sagen hat. Aber bis dahin genieße ich es, ein Teil dieser Schöpfung zu sein und mich in ihr frei bewegen und können.
Wenn ich dann in die Wohnung komme, fühle ich mich frisch und befreit, voller Elan, bereit zu neuen Taten. Ein Tag an der See wirkt für mich und mein Leben Wunder, macht mich zu jeder Jahreszeit lebendiger.
Dieser Geist bringt immer neu Bewegung ins Leben
Frühsommer und Pfingstfest haben auf mich eine ähnliche Wirkung. Wenn die Tage immer länger werden, wird das Leben auch heller und es kommt mehr Bewegung in meine Straße.
Menschen in bunter Kleidung gehen draußen spazieren, auch abends noch, genießen Sonne und Wärme. Goethe beschreibt das schon in seinem „Osterspaziergang“:
Überall regt sich Bildung und Streben,
Alles will sie mit Farben beleben;
Doch an Blumen fehlt’s im Revier,
Sie nimmt geputzte Menschen dafür.
Nun ist Ostern längst vorbei. Aber Leben und Sich-Regen gehen weiter:
Das Grün wird von Tag zu Tag kräftiger, Blüten gehen auf, Früchte reifen und der tänzerische Flug der Schwalben am Himmel zeigt, wie lebendig auch hier das Leben ist.
Und dann das Pfingstwunder. „Es geschah plötzlich ein Brausen vom Himmel wie von einem gewaltigen Sturm und erfüllte das ganze Haus, in dem sie saßen“, heißt es in der Apostelgeschichte (2,2). Pfingsten ist das Ende des Stillstands. Gottes Geistkraft wirkt Wunder: Sie erfasst die wie betäubt dasitzenden Jüngerinnen und Jünger und macht sie wieder lebendig. Der frische Wind, den ich sonst nur am Wasser spüre, ist mit dem Pfingstfest in meinem Alltag, in meinem Leben angekommen.
Alles wachgerüttelt von sanfter Brise oder kräftiger Böe
Pfingsten ist die sanfte Brise, der beständige Wind, die kräftige Böe, die uns wachrütteln kann und in das Leben mitnehmen soll. Gerade dann, wenn es schwierig ist, wenn vieles festgefahren erscheint, nichts richtig vorangeht.
Pfingsten steht für Bewegung, die alles in Gang setzt. Wellen und Wind, Schiffe und Boote, Träume und Ideen, Menschen allein oder gemeinsam.
Schade, dass diese Bedeutung des Festes heute nicht mehr allgemein bekannt ist: Nur jede*r vierte Befragte wusste sie in einer Studie aus 2024. Aber wir brauchen diesen Schwung, den das Fest der Be-GEIST-erung geben kann, heute genauso wie zu allen Zeiten: Geistkraft und Bewegung für so vieles – den Frieden, von dem wir im Moment nicht wissen, wie er überhaupt zu erreichen ist; unsere Natur, die Schöpfung, die an vielen Stellen so gebeutelt ist; die Kinder der Welt, die unsere Zukunft sind, aber an vielen Orten kaum sicher sein können, ob sie überhaupt groß werden.
Ja, Pfingsten ist auch der Aufbruch zu etwas Neuem, zur Entwicklung neuer und frischer Ideen, zur Eröffnung neuer Möglichkeiten. Wenn wir uns die Zeit nehmen, im Alltag einige Momente innezuhalten, uns zu sammeln, kann das Wunder wirken. Dazu reichen manchmal eine Bank am Meeresufer oder aber auch einige Tage im Haus der Stille – probieren Sie es einfach aus.
Ich wünsche Ihnen dabei viel Freude, erfüllende Geistkraft und neue Ideen!
Helga Siemens-Weibring, *1958, Sozialwissenschaftlerin, nebenamtliches Mitglieder der Kirchenleitung der EKiR, wohnt in Essen, war lange Beauftragte für Sozialpolitik und Quartiersarbeit bei der Diakonie Rheinland-Westfalen-Lippe und ist Mitglied im Beirat des Hauses der Stille.

