In unruhigen Zeiten leben wir. Nachrichten und Bilder von Krisenherden nisten sich in unser Gedächtnis ein. Das Ansteigen der Preise lässt womöglich Träume schwinden, die eben noch realisierbar erschienen. Dazu die vielen mahnenden Gedenktage und diese Jahreszeit mit kurz gewordenen Tagen, häufig auch noch regenverhangen, die zunehmende Kälte. Die Bäume lassen ihr Laub fallen, es geht aufs Ende des herbstlichen Farbenrausches zu. Wie können wir gut durch diese dunkle Winter-Zeit kommen – wieder einmal? Was gibt Hoffnung und wärmt das Herz?
Vermächtnis der Geschichte in Blick nehmen
Ich konnte am 09. November an einem Webinar teilnehmen, das die Tage um die Reichsprogromnacht 1938 – es war ja nicht nur eine Nacht – in den Blick nahm und jüdische Kunstschaffende aus jener Zeit in Erinnerung rief. Auch eine lebende bildende Künstlerin, Irène Fröhlich-Wiener, deren Familie in die Schweiz emigrieren konnte, zeigte und erläuterte ihre Arbeiten. Früher arbeitete sie mit Stein und anderen harten Materialien, die viel Kraft kosten. Heute arbeitet sie mit Moosgummi, einem Material, das zumeist für dekoratives Basteln eingesetzt wird. Aber was sie daraus macht, ist etwas ganz anderes.
Moosgummi und Menschenleben – what if ?!
Aus dem Moosgummi schneidet sie menschliche Figuren in allen möglichen Bewegungen und Positionen. Ein kurzes Video (‚What if!‘) zeigt die Figuren in verschiedenen Grautönen übereinander fallen. Das erinnert eindringlich daran, wie wenig ein Menschenleben zu manchen Zeiten, an manchen Orten „wert ist“, wenn andere Menschen verblendet ihrer Ideologie und/oder einem skrupellosen Anführer folgen. Das berührt mich sehr. Dann kommen in dem Video farbige Figuren, erst alleine, daraufhin sich an den Händen fassend oder zu großen Gruppen zusammengestellt; diese Skulpturen schweben vor dem blauen Himmel und werden vom Wind bewegt – faszinierend! Jede Figur für sich ist einfarbig, aber in der Gesamtheit der Skulptur wirken sie lebendig und bunt, bewegt und voller Leichtigkeit.
Einander akzeptieren
Die Künstlerin sagt, dass ihre Skulpturen Hoffnung und Leichtigkeit ausstrahlen sollen. Das tun sie und machen deutlich, dass es darauf ankommt, dass wir einander akzeptieren sollen, wie wir sind, egal, welcher Hautfarbe, welchen Glaubens oder was sonst Trennendes gerne hervorgehoben wird. Dann können wir zusammen Probleme lösen und das Miteinander macht uns stark. Und wir sollen die Hoffnung nicht verlieren, dass aus allem auch Gutes werden kann.
„Aber Gott gedachte es gut zu machen“
Das erinnert mich an Joseph, den Traumdeuter, und seine Brüder, die ihn nach Ägypten verkauft hatten. Joseph half ihnen und seinem Vater später trotz des erfahrenen Leids, nach Ägypten umzusiedeln und eine Hungersnot zu überstehen. Er sagte zu seinen Brüdern: „Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen.“ (1. Mose 50, 20). So hoffe ich auch weiter, dass auch Schlimmes eine Wendung nehmen und daraus – mit Gottes Hilfe – Gutes werden kann, das uns Menschen im Einvernehmen mit der Schöpfung weiterbringt. Ich erinnere mich daran auch immer wieder in der Stille und spüre, dass ich jetzt einfach da bin, einfach bin. Ich möchte Sie, Leser*in, ermutigen, die Hoffnung nicht aufzugeben und offen zu bleiben dafür, wo sich kreative neue Möglichkeiten ergeben, die dem guten Miteinander, der Freude und der Natur, in der wir leben, dienen und die uns auch Momente der Leichtigkeit bringen.
Eugen Eckert, evangelischer Pfarrer und Liedtexter, dichtet das so:
„Wo die Liebe wohnt, blüht das Leben auf,
Hoffnung wächst, die trägt;
Träume werden wahr,
denn wo die Liebe wohnt,
da wohnt Gott.“
Sabine Fischer, *1956, Juristin und Geistliche Begleiterin, lebt in Wuppertal und ist Mitglied im Beirat des Hauses der Stille.

